Nie wirklich normal
Zum Glück kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wie das früher alles war.
Ich kenn es nur aus Erzählungen, ich bin schliesslich auch schon 27 Jahre alt.
Es ist mir schon bewusst, was ich alles erlebt habe, aber hineinversetzen kann
ich mich nicht, was vielleicht ganz gut ist.
Man nennt es Gastroschisis mit Nonrotation (Bauchdeckenspalte mit ausbleibender
Drehung) Commune und Mesenterium Commune (allgemeines Dünndarmgekröse).
Manche Menschen sehen mich mit grossen Augen immer an, wenn ich erzähle, dass
ich mit offenem bauch geboren wurde. Ich selber gehe mit diesem Thema sehr offen
um und sage immer:“ Ich bin froh, dass es der Bauch und nicht der Rücken war.“
Was soll ich nun schreiben? Ich und vor allem meine Eltern haben viel durch
gemacht. Ich bin das dritte Kind von vier und meine älteren Geschwister und
unser Nesthäkchen sind gesund auf die Welt gekommen. Das nennt man wohl
Schicksal, oder? Es gibt wohl eine Erklärung, aber dies ist nur eine wage
Vermutung, aber darüber will ich nicht schreiben.
Ich bin ganz normal aufgewachsen, was man so normal nennen kann. Natürlich bin
ich anders erzogen, was auch, wenn ich heute darüber nachdenke, auch
selbstverständlich in Hinsicht meiner Eltern ist. Man hätte mich am liebsten in
Watte verpackt. Probleme mit anderen Kindern, z.B. im Kindergarten, Grundschule,
etc., hatte ich nur einmal. Eine damalige Schulkameradin hat meinen vernarbten
Bauch gesehen und gefragt, was das sein, ich habe es beantwortet und ihre
Antwort darauf war:“ Ih, dann bist Du ja behindert!“ Ich habe dieses jedoch gut
weggesteckt. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich immer anderen Mädchen und
später Frauen in Umkleidekabinen meinen Rücken „gezeigt“ habe, weil ich meine
Narben selbst nicht als schön empfinde und mich deswegen immer geschämt habe.
Jedoch geht es mir nicht so gut, wie anderen Menschen, die mit diesem Befund auf
die Welt gekommen sind. Ich musste mich mit 12 Jahren erneut operieren lassen.
Den Grund zu erläutern wäre zu erklärungsbedürftig. Es war von der
Krankenhausentlassung von 6 Monaten nach meiner Geburt schon klar, dass diese OP
benötigt wird.
Mit 19 hatte ich einen Narbenbruch, welcher durch eine weitere OP geschlossen
werden musste. Meine letzte OP hatte ich im April diesen Jahres.
Ich bin froh, dass ich die letzte OP hab machen lassen, da ich in meiner ganzen
Lebensqualität eingeschränkt war. Durch die ganzen vergangenen Operationen hatte
ich sehr starke Verwachsungen, welche sehr starke Schmerzen, Verdauungsprobleme,
etc. hervorgerufen haben. Zu dieser OP musste ich mich zum zweiten mal
entscheiden. Ich hätte schon alles letztes Jahr hinter mir haben können, jedoch
waren mir die vorher nicht genannten Komplikationen zu hoch.
Ich hatte die letzten Jahre viele gesundheitliche Probleme, welche auch mein
Privatleben sehr belastet hat. Ich habe sehr viele Arztbesuch hinter mir,
Untersuchungen, die teilweise doppelt durchgeführt wurden, jedoch konnte mir bis
zum Frühjahr kein Arzt weiter helfen. Ich habe jetzt einen Arzt gefunden, der
mir sehr gut hilft. Auch dem Arzt, welcher mich operiert hat, habe ich sehr viel
zu verdanken.
Normal werde ich nie sein, alleine deswegen, weil meine Narben mich immer daran
erinnern werden, was war und was noch ist. Ich muss zwar noch ein bisschen
Geduld haben, bis ich komplett genesen bin, jedoch bin ich zuversichtlich, dass
ich jetzt alles hinter mir habe.
Ich wünsche allen Betroffenen viel Kraft und Gesundheit.
Ich habe es auch geschafft und es muss nicht immer so kompliziert sein, wie z.B.
bei mir.